Der Orthopäde Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wurde als Arzt der Sportstars bekannt, vor allem der Fußballer des legendären FC Bayern München. Einige betrachteten ihn als Genie, andere als Exzentriker, der ungewöhnliche Behandlungsmethoden anwandte. Wie dem auch sei, Müller-Wohlfahrt erlangte in der medizinischen Welt großen Ruhm. Mehr über seinen Lebens- und Berufsweg erfahren Sie auf imunich.
Bildung und erste Berufserfahrung
Der Mediziner wurde am 12. August 1942 in Wittmund (Niedersachsen) in einer Pastorenfamilie geboren. Sein Vater stand seiner Leidenschaft für die Medizin skeptisch gegenüber und erzog ihn recht streng.
Nach dem Tod seines Vaters schloss der zielstrebige junge Mann das Medizinstudium an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel ab. In den Jahren 1971–1977 arbeitete er in der orthopädischen Abteilung des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin.
Von 1975 bis 1977 war Hans-Wilhelm Arzt des Berliner Fußballvereins Hertha BSC. Im April 1977 zog er auf Einladung des FC Bayern München nach München und absolvierte eine Ausbildung im Zentrum für Orthopädie und Sportmedizin. Im Mai 2008 eröffnete Müller-Wohlfahrt in München sein eigenes Zentrum für Orthopädie und Sportmedizin.
Der Mann mit den „sehenden“ Händen
Der FC Bayern München hatte großes Glück, als Müller-Wohlfahrt im April 1977 dem Angebot zur Zusammenarbeit zustimmte. Er war über 40 Jahre lang rund um die Uhr im Einsatz und spielte eine wichtige Rolle bei den Erfolgen des Klubs.

Zu seinen Patienten gehörten nicht nur Fußballspieler, sondern auch Stars anderer Sportarten, wie der olympische 100-Meter-Champion Usain Bolt oder die Tennislegende Boris Becker. Er behandelte auch Musiker wie den Briten Eric Clapton, den Deutschen Herbert Grönemeyer und den Iren Bono.
Er wurde der „Mann mit den sehenden Händen“ genannt, weil er allein mit den Fingerspitzen verstand, was mit den Muskeln der Patienten nicht stimmte. Er konnte die richtige Diagnose oft bereits beim ersten Besuch stellen, ohne Röntgenbilder zu benötigen. Müller-Wohlfahrt bewegte sich mit erstaunlicher Gewandtheit zwischen den Fußballfeldern, um verletzten Spielern schnell zu helfen.

Während er die besten deutschen Fußballspieler, wie den legendären Verteidiger Franz Beckenbauer, betreute, behandelte Müller-Wohlfahrt auch die deutsche Nationalmannschaft von 1995 bis 2018.
Er half dem englischen Fußballer Michael Owen, der Probleme mit der Oberschenkelmuskulatur hatte, schnell zu genesen, damit dieser an der Euro 2000 teilnehmen konnte.
Der amerikanische Golf-Champion José María Olazábal litt an den verheerenden Folgen einer rheumatoiden Arthritis, bis Müller-Wohlfahrt ihm half, die Symptome zu lindern, was ihm weitere Siege ermöglichte.
Der Deutsche behandelte auch den ukrainischen Boxer Wladimir Klitschko. Auch der Rugby-Weltmeister Will Greenwood aus England profitierte von der Behandlung durch Hans-Wilhelm nach acht Monaten Problemen mit der Leistenmuskulatur.
Selbst internationale Sportler aus weit entfernten Ländern wie Australien suchten Hilfe bei Müller-Wohlfahrt, darunter die Fußballspieler Ben Reid, Max Rooke und Mark Coughlan, die chronische Weichteilverletzungen kurieren konnten.
Eine weitere Patientin war die britische Leichtathletin und Weltrekordhalterin Paula Radcliffe. Sie wurde von Müller-Wohlfahrt behandelt, seit er ihr im Alter von 20 Jahren geholfen hatte, einen Ermüdungsbruch am Fuß zu überwinden.
Während der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2012 in London kehrte Radcliffe nach Deutschland zurück und klagte über Verspannungen im Rücken und in den Beinen. Der Arzt hörte ihr eine Stunde lang geduldig zu, setzte ihr dann Nadeln, injizierte ein Schmerzmittel und ließ die Nadeln an Ort und Stelle. In die Hülse der über der Haut verbleibenden Nadel spritzte er natürliche Öle und Hyaluronsäure.

Müller-Wohlfahrt setzte 14 Injektionen in den unteren Rückenbereich. Zwei weitere in den vorderen Oberschenkel und vier in den oberen Teil des linken Fußes. Danach manipulierte der Orthopäde intensiv ihre Beine – nach links und rechts, nach oben und unten. Zu dieser Behandlung kehrte Paula alle zwei bis drei Monate zurück. Jedes Mal, wenn sie die Praxis von Hans-Wilhelm verließ, fühlte sie sich gesünder und energiegeladener.
Ein weiterer bekannter Patient war der Sprinter, mehrfacher Olympiasieger und Weltmeister Usain Bolt. Sie lernten sich kennen, als Bolts Trainer den damals 16-Jährigen in die Münchner Klinik brachte, um herauszufinden, ob das Talent intensiv trainieren konnte. Im Laufe der Zeit reichten die Aufgaben des Arztes von der Schmerzbehandlung bis hin zur Analyse von Bolts Sprintmechanik während des Trainings und der Entwicklung spezieller Übungen.
Umstrittene Behandlungsmethoden
Trotz seiner traditionellen Ausbildung in Medizin und Orthopädie war Hans-Wilhelm ein Praktiker einer einzigartigen Mischung aus Akupunktur und homöopathischer Medizin – der Behandlung mit natürlichen Substanzen. Die Grundlage seiner Behandlung, so Müller-Wohlfahrt, liegt in der „Infiltration“, bei der homöopathische Präparate und andere Substanzen direkt in die verletzte Stelle injiziert werden: Actovegin (eine Lösung aus Kälberblut), Aminosäuren aus Kälberblut usw.
Darüber hinaus verwendete er Injektionen der Substanz Hyalart, die aus dem Kamm eines Hahns gewonnen wird und angeblich bei Knieverletzungen half und Schmerzen lindern konnte. Er injizierte seinen Patienten auch Myo-Melcain – ein schmerzlinderndes Procain in einer Honiglösung. Solche nicht-traditionellen Behandlungsmethoden führten zu Vorwürfen des Scharlatanismus.
Müller-Wohlfahrt bezeichnete sich selbst als Empiriker, da er sich nicht auf medizinische Forschung stützte, sondern auf das Feedback seiner Patienten. Keine seiner Arbeiten wurde von anderen Ärzten analysiert, und er veröffentlichte nichts über die Verwendung von Actovegin.
Dies führte dazu, dass Travis Tygart, CEO der US-Anti-Doping-Agentur, Müller-Wohlfahrts Abhängigkeit von Injektionen als „Frankenstein-Experiment“ bezeichnete. Denn wenn Actovegin, das nur in einigen Ländern erhältlich ist, intravenös verabreicht wird, gilt es als Doping.
Die Sportler jedoch interessierten sich nicht für wissenschaftliche Methodik oder Expertenforschung, die in renommierten medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. Das Einzige, worauf sie achteten, war die Verbesserung ihres Zustands nach der Behandlung durch ihren Lieblingsarzt. So bewerteten die Stars seine Kompetenz.
Geheimnisse der Gesundheit
Im Alter von 80 Jahren befand sich Müller-Wohlfahrt in ausgezeichneter körperlicher Verfassung. Dafür hielt er sich konsequent an sein eigenes Sportprogramm. Einer der Geheimnisse des Arztes ist, dass man in jedem Alter aktiv bleiben muss. Sein persönlicher Fitnesstipp: Regelmäßigkeit ist wichtiger als Quantität. Der Arzt selbst joggte etwa 45 Minuten, zwei- bis dreimal pro Woche.

Den berühmten Ratschlag, dass man täglich 10.000 Schritte gehen sollte, nannte Müller-Wohlfahrt „einen Mythos“. Stattdessen hielt er 7.500 Schritte für ausreichend. Seiner Meinung nach ist sitzendes Verhalten für viele gesundheitliche Probleme verantwortlich. In einem Interview sagte er, dass Sitzen Druck auf die Wirbelsäule und den unteren Rücken ausübt, insbesondere auf die Bandscheibe zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel. Sitzen sei zu einer Volkskrankheit geworden, so gefährlich wie Rauchen. Menschen, die viel sitzen, haben eine kürzere Lebenserwartung. Deshalb sollten bei der Arbeit am Computer regelmäßig kurze Pausen eingelegt werden.
Den Verzehr von Fleisch hielt er nicht für eines der größten Gesundheitsrisiken und fügte es etwa einmal pro Woche in seinen Speiseplan ein.