Das „Wiedemann-Sanatorium“ war einst eine bayerische Elite-Kureinrichtung, doch heute ist es ein verlassenes Gebäude, das allmählich von Pflanzen überwuchert wird. Hier ließen sich bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Kultur sowie wohlhabende Geschäftsleute aus dem ganzen Land behandeln. Jetzt ist das Sanatorium verfallen, zieht aber immer noch die Aufmerksamkeit von Fotografen und Reisenden auf sich. In diesem Artikel erzählen wir die Geschichte dieses Ortes. Weiter auf imunich.eu.
Wie die Idee zum Bau des Sanatoriums entstand
Ende der 1940er Jahre gewann die Alternativmedizin weltweit an Popularität, deshalb beschloss die Zeitschrift „Quick“, den jungen Arzt Fritz Wiedemann auf eine Forschungsreise nach Rumänien zu schicken, wo Ana Aslan begonnen hatte, das Anästhetikum Procain in ihrer medizinischen Praxis zu verwenden. Wiedemann sollte diese Angelegenheit untersuchen und feststellen, wie effektiv Aslans medizinische Innovationen waren.
Die Ideen von Aslan gefielen ihm, und der Arzt beschloss, etwas Ähnliches zu tun. So begann die Geschichte des „Wiedemann-Sanatoriums“. Die Einrichtung war von 1952 bis 2004 in Betrieb und geriet vor nicht allzu langer Zeit wieder in aller Munde. Nun plant man, hier ein Seniorenheim zu eröffnen.
Wer war Fritz Wiedemann
Die Eltern von Fritz Wiedemann waren Münchner. Sein Vater leitete eine Kabelfabrik und war an der Elektrifizierung Münchens beteiligt, und seine Mutter war Vertreterin der Zigarrendynastie Zuban. Er wuchs in einer Familie wohlhabender, hochrangiger Beamter auf, die oft Zeit in Ambach verbrachten, wo sie eine Sommerresidenz hatten.
Fritz Wiedemann wurde 1911 geboren. Eine Zeit lang besuchte er die Schule in Holzhausen. Seine Leidenschaft galt nicht nur der Medizin, die er studierte, sondern auch der Schriftstellerei. Im Alter von 22 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Roman „Der Fluch des Heiligen“.
Die Gründung des Sanatoriums

Nach Wiedemanns Rückkehr aus dem Krieg eröffnete er eine kleine medizinische Einrichtung in der Sommerresidenz seiner Eltern. Er praktizierte dort bis zu seiner Entsendung durch „Quick“. Nach diesem Ereignis begann er viel zu experimentieren und begründete die Serumtherapie, die auf den Entdeckungen von Oleksandr Bohomolez basierte.
Im Wesentlichen bestand das Prinzip der Therapie darin, menschliches Gewebe einem Spendertier zu injizieren. Normalerweise war dies ein Kaninchen, das Antikörper produzierte, die dann den Patienten zurückgegeben wurden. Es war eine Art Impfung gegen Abbauprozesse.
Gerüchte über die innovative „Behandlung“ verbreiteten sich sehr schnell. Patienten strömten in Scharen zu Wiedemann. Dies führte dazu, dass die Klinik erweitert werden musste. So entstand das Hauptgebäude des Sanatoriums „Panorama“ mit Außenpool, Innenpool, Bowlingbahn und Golfplätzen. Die Entwicklung des Sanatoriums wurde auch durch die Tatsache begünstigt, dass die Deutschen damals Anspruch auf jährliche kostenlose Kuranwendungen hatten. Im Durchschnitt besuchte ein Patient dieses Sanatorium 28 Mal.
Die Entwicklung des paradiesischen Sanatoriums
Doktor Wiedemann war schlichtweg der Star-Arzt Deutschlands. Er leitete 12 Ärzte und weitere 35 Mitarbeiter und verbesserte parallel dazu seine Methoden. Wiedemann entwickelte Procain-Kapseln und nutzte Enzyme zur Unterstützung seiner Serumtherapie.
Bei seiner Arbeit versuchte er, fast keine chemischen Substanzen zu verwenden. 1978 veröffentlichte er den Ratgeber „Lebe biologisch – heile biologisch“, der zum Bestseller wurde. In seinem Leben schrieb er über 20 Bücher.
Ambach und die umliegenden Dörfer profitierten vom Erfolg des Sanatoriums. Gleichzeitig hielten sich hier 500 Patienten auf, die meisten davon ambulant. Sie mieteten Unterkünfte bei den Einheimischen. Das Sanatorium selbst war ein guter Arbeitgeber in der Region.
Stars strömten hierher, insbesondere Schauspieler: Heidi Kabel, Harald Juhnke, Johannes Heesters usw. Heesters zum Beispiel wurde 108 Jahre alt. Vielleicht gerade wegen Wiedemanns Experimenten. Auch Politiker kamen hierher, um körperliche und geistige Gesundheit zu finden.
Nach Wiedemanns Tod

Nach Wiedemanns Tod im Jahr 1991 ging das Sanatorium in die Hände seiner Söhne über. Damit endete die Blütezeit der prominenten medizinischen Einrichtung. Die Gesetzgebung erlaubte immer weniger Behandlungen, und die Deutschen bekamen eine wunderbare Alternative: Für das gleiche Geld konnten sie zum Beispiel in die Karibik fliegen.
Im Jahr 2004 beschlossen die Söhne, das Grundstück an das italienische Unternehmen „Sanacare“ zu verkaufen, das kurz darauf bankrottging. Das alte Sanatorium wurde zu einem Partyort für Jugendliche.
Das Sanatorium heute
Heute ist das Sanatorium verfallen. Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört: In den Becken wachsen Algen, und Kletterpflanzen dringen durch die Fenster in die ehemaligen Krankenzimmer ein. Gleichzeitig verblassen die Vorhänge und Teppiche, und der Luxus vergangener Zeiten schwindet.
In den letzten zwei Jahrzehnten kommen Teenager und junge Leute hierher, die die Wände mit Graffiti besprühen, hier Alkohol trinken und feiern. Das Gebäude des Sanatoriums ist für Besucher geschlossen, aber regelmäßig dringt jemand ein. Dieser Ort ist auch bei Fotografen beliebt, die sich für die Ästhetik verlassener Gebäude begeistern.
In den letzten Jahren gab es Vorschläge für den Umbau oder eine neue Nutzung des Komplexes, doch kein Projekt wurde bisher umgesetzt. Wir hoffen, dass das Gebäude in Zukunft doch noch ein neues Leben erhalten wird. Trotz seines Verfalls bleibt das „Wiedemann-Sanatorium“ ein wichtiger Teil der bayerischen Geschichte und des kulturellen Gedächtnisses.
Quellen: secretmuenchen.com , sueddeutsche.de , merkur.de